Eine Berlinerin über das Holocaust-Mahnmal in Berlin

Panorama view Memorial to the Murdered Jews of Europe in Berlin von Quid pro quo. Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“; unverändert; Die Originaldatei ist hier zu finden.

Im Zuge der Aktion der Künstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ habe ich oft die Aussage gelesen, dass die Beton-Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin hässlich sind. Ich habe gedacht, diese Menschen würden die Symbolik dahinter meinen, da ich als Berlinerin die Stelen nie als hässlich empfunden habe und bei oberflächlicher Überlegung nie darauf gekommen bin, dass die Menschen diese Aussage auch so wörtlich gemeint haben könnten. Ich habe diese Aussage als Verharmlosung der historischen Tatsachen oder als Zeichen des Antisemitismus betrachtet. Als ich jedoch eine ähnliche Aussage von einer Person hörte, die ich gut kannte, war ich zunächst schockiert, habe jedoch bei der Diskussion dann verstanden, dass diese Aussage sich tatsächlich auf den empfunden Schönheitsaspekt bezieht.

Ich will mit diesem Artikel erklären, warum das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht hässlich und in dieser Darstellungsform absolut perfekt ist.

Ich habe das Holocaust-Mahnmal in Berlin mehrmals besucht und gesehen, doch auch bevor ich vor Ort die Beton-Stelen zu Gesicht bekommen habe und nur Bilder kannte, habe ich sie nie als hässlich empfunden. Warum auch? Sie sind ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas und erinnern an Grabsteine. Wer auf einem Friedhof war, wird ein Meer aus grauen Grabsteinen in Erinnerung haben, die meisten in gleicher Form und Größe. Einige wenige haben andere Formen, andere Farben, andere Größen, eine andere Beschaffenheit, aber was sie alle verbindet, ist, dass sie Erinnerungen an gelebte Menschen hervorrufen und dem Verstorbenen eine Identität geben sollen.

Und genau diese Funktion erfüllt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin- und weit mehr.

Wer zwischen den Gängen des Holocaust-Mahnmals mit dem welligen Boden war, wer vor dem Holocaust-Mahnmal an der Cora-Berliner-Straße stand, diese Person wird die Beton-Stelen als Grabsteine wahrnehmen können. Sie sind grau, sie sind schlicht, sie sind klein, sie sind groß und sie sind nicht beschriftet. Gerade weil das Holocaust-Mahnmal so konzipiert ist, wie es derzeit zu sehen ist, erzielt es seine Wirkung am besten. Die Beton-Stelen erinnern uns an Grabsteine, an die Juden, die unter der grausamen und menschenverachtenden Herrschaft der Nationalsozialisten ermordet wurden. Es sind nur 2711 Beton-Stelen und doch wird uns die Grausamkeit an die unzähligen unschuldigen Menschenleben mit einer Wucht vor Augen geführt, wie kein anderes später konstruiertes Denkmal es wahrscheinlich je schaffen würde.

Ich bin in Berlin aufgewachsen. Ich habe viele Sehenswürdigkeiten und Denkmäler in Berlin gesehen. Brandenburger Tor, Siegessäule, Mauerbruchstücke, Fernsehturm, mit dem Fahrrad von Kreuzberg aus nach Alex, Potsdamer Platz, Kudamm, Checkpoint Charlie bis hin zum Schloss Sanssouci. Den Hackescher Markt, die Museumsinsel, den Gendarmenmarkt, den Teufelsberg, das Sinti und Roma Denkmal und einige Orte der Berliner Unterwelten habe ich besucht. Aber in meinen Augen ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin das schönste und beeindruckendste Konstrukt mit der gewaltigsten Wirkung auf BesucherInnen in ganz Berlin- vielleicht in ganz Deutschland.

Ich habe diesen Ort bei Tage besucht, habe ihn im Zwielicht bewundert und in der Dunkelheit habe ich in den Gängen als Jugendliche zwischen den Beton-Stelen Verstecken gespielt.

 

Links: Einige Stelen aus der Nähe, im Hintergrund der Tiergarten von Anteeru. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported; unverändert; Die Originaldatei ist hier zu finden. Rechts: Memorial to the Murdered Jews of Europe by night von Mattias e johansson. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported; unverändert; Die Originaldatei ist hier zu finden,

Es kann darüber diskutiert werden, ob dieses Verhalten angebracht ist. Ich weiß nur, dass das Holocaust-Mahnmal für mich eine präsente Erinnerung an den Holocaust ist. Es erinnert uns an eine Geschichte, die nicht vergessen werden darf. Es ist ein Mahnmal an eine Tat, die unter allen Umständen nicht wiederholt werden darf. Das Holocaust-Mahnmal verbindet uns emotional mit den ermordeten Menschen.

Ich hoffe, ihr seht mir nach, wenn ich wütend werde, wenn jemand das Holocaust-Mahnmal als hässlich bezeichnet. Für mich als Berlinerin ist das Holocaust-Mahnmal der schönste Diamant, den die Stadt bieten kann. Es ist Sinnbild der Menschlichkeit, sowohl ihrer Grausamkeit als auch ihrer Fähigkeit, sich durch Empathie mit anderen Menschen über Raum und Zeit zu verbinden. Es ist das Herz meiner Stadt, welche so eine Aussage als Beleidigung wahrnimmt.

2 Gedanken zu „Eine Berlinerin über das Holocaust-Mahnmal in Berlin

  • 10/12/2017 um 2:12 pm
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    Ich sehe das ganz genau wie Du – dieses Mahnmal ist perfekt. Muss aber auch zugeben, dass ich zunächst selbst skeptisch war, bis ich es zum ersten Mal selbst besucht habe und mich fast darin verloren hätte. Die Wirkung, die es entfaltet, wenn man vrsucht, das Stelenfeld zu durchqueren, ist ernorm, überraschend und beängstigend gut. So, genau so fühlt sich ein Mensch, der bedrängt, verfolgt und gejagt wird. Danke für deinen Post. LG aus Grünau, Bri

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