Wie gesellschaftliche Tabus Wiederbelebungsmaßnahmen stören oder gar verhindern

Herzdruckmassage an einer Modellpuppe mit männlichem Torso von Rama. Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 France (CC BY-SA 2.0 FR); unverändert; Die Originaldatei ist hier zu finden.

Wart ihr schon mal bei einem Erste-Hilfe-Kurs oder habt ihr womöglich sogar mal eine Herz-Lungen-Wiederbelebung miterlebt? Wenn nicht, habt ihr wahrscheinlich zumindest im Fernsehen schon mal eine Wiederbelebungsmaßnahme gesehen und was man da so sieht, haben wohl auch die meisten als Bild einer Wiederbelebung im Notfall im Kopf.

Ich habe mir mal die Zeit genommen, nach Herz-Lungen-Wiederbelebung, Herzmassage, CPR, Wiederbelebung etc. in Google Bilder zu suchen. Ist euch auch schon mal aufgefallen, dass die auf dem Boden liegenden „betroffenen“ Personen meist Männer waren? Oder wenn sie Frauen waren, im Vergleich zu den männlichen Vorführpersonen immer oben vollständig bekleidet waren, während männliche Vorführpersonen häufig mit nacktem Oberkörper gezeigt werden? Frauen werden höchstens im Badeanzug gezeigt, oftmals als Beispiel einer Ersthelfervorführung von Rettungsschwimmern. Und die Modellpuppen scheinen ja alle nur einen männlichen Torso zu haben…

So und ähnlich sehen die Google Bilder Ergebnisse für „heart massage“ aus.

Vielleicht wird es euch dann nicht wundern, von einer Studie zu hören, deren vorläufige Ergebnisse darauf hindeuten, dass Frauen im Vergleich zu Männern im öffentlichen Raum weniger oft eine Herz-Lungen-Wiederbelebung von Passanten bekommen. Vielleicht erahnt ihr auch schon bereits die Gründe dafür.

Aber zunächst einmal für den Laien:

Für eine Wiederbelebungsmaßnahme ist es notwendig, das Herz durch Druck auf das Brustbein der betroffenen Person in Richtung Wirbelsäule zu pressen. Hierdurch wird der Druck im Brustkorb so erhöht, dass das Blut aus dem Herzen in den Kreislauf gepresst wird. Diese Herzdruckmassage dient dazu, den Blutfluss aufrecht zu erhalten, um den Körper mit dem im Blut befindlichen Sauerstoff zu versorgen. Ist der Blutfluss lange unterbrochen, können Organe unwiderrufliche Schäden davon tragen. Ein Sauerstoffmangel von 3 Minuten reicht schon aus und das Gehirn zeigt irreversiblen Schaden.

Nun haben viele von uns im Erste-Hilfe-Kurs an Modellpuppen üben dürfen, wie eine Wiederbelebungsmaßnahme funktioniert und fühlen uns mehr oder weniger gewappnet für einen eventuellen Fall im Alltag.

Dennoch scheint in Fällen, in denen Frauen eine Wiederbelebungsmaßnahme benötigen, etwas schief zu laufen:

Auf der Konferenz American Heart Association’s Scientific Sessions in November 2017 wurden die vorläufigen Ergebnisse einer Studie zusammengefasst, wonach Frauen im Vergleich zu Männern im öffentlichen Raum weniger oft eine Herz-Lungen-Wiederbelebung von Passanten bekommen.

Die Wissenschaftler haben dazu um die 19.000 Fälle zwischen 2011 und 2015 untersucht. Die Daten für die Studie entstammten aus dem Netzwerk Resuscitation Outcomes Consortium, ein Zusammenschluss regionaler klinischer Zentren der USA und Kanada, die sich u.a. mit präklinischem plötzlichem Herzstillstand und -trauma beschäftigen.

Männer erhielten im öffentlichen Raum demnach in 45% der Fälle eine Herz-Lungen-Wiederbelebung von Umstehenden, Frauen lediglich in 39% der Fälle. Eine rechtzeitig durchgeführte Herz-Lungen-Wiederbelebung hat großen Einfluss auf die Überlebenschancen einer Person. In den vorliegenden Fällen zeigten Männer nach dem Entlassen aus dem Krankenhaus eine 23% höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Frauen.

Wird eine Herz-Lungen-Wiederbelebung im privaten Raum durchgeführt, sinkt der Unterschied zwischen den Geschlechtern: 35% der Frauen und 36 % der Männer erhalten eine Wiederbelebungsmaßnahme im privaten Raum wie dem eigenen Zuhause.

Wie kommt es nun zu diesem Verhaltensunterschied im privaten und öffentlichen Raum? Warum erhalten Frauen weniger oft eine Herz-Lungen-Wiederbelebung?

Zwar fehlen bis dato genauere Untersuchungen zum Verhalten der Passanten, aber einige Hypothesen lassen sich jetzt schon in Hinsicht auf die geschlechtsbezogenen Verzerrungseffektstellen (Gender Bias) formulieren.

Im Erste-Hilfe-Kurs an Modellpuppen haben wir es ja gelernt: Für eine Herz-Lungen-Wiederbelebung ist es notwendig, die Hand auf dem Brustbein zu positionieren. Ideal wäre es, wenn der Oberkörper der betroffenen Person von störenden Kleidungsstücken frei gemacht wird.

Was wir vielleicht aber nie bewusst gedacht haben: Wie läuft es bei Frauen ab? Wohin mit meinen Händen in so einem Fall? Welche Oberteile entferne ich für den Fall der Fälle?

Die Modellpuppen im Erste-Hilfe-Kurs haben i.d.R. einen männlichen Torso. Dies kann dazu beitragen, dass Menschen in Ernstfall zum ersten Mal mit solchen und ähnlichen Fragen konfrontiert werden. Solche Verunsicherungen können eventuell zu einer verzögerten oder falschen Reaktion führen, im schlimmsten Fall sogar zum Ausbleiben einer Hilfeleistung.

Die Hände müssen nämlich zwischen den Brüsten positioniert werden. Unter Umständen berühren die Finger die Brustwarzen. Na, was war das? Habe ich etwa gerade die Rädchen für moralisch richtiges Verhalten gehört, die sich bei euch schon in Bewegung gesetzt haben?

Und überhaupt, die Frage nach dem Entfernen der BHs: Muss das sein?

Wird eine Wiederbelebungsmaßnahme mit Händen durchgeführt, ist es kostbare Zeit, die verstreicht und Organe währenddessen Schaden nehmen, wenn ihr euch die Zeit zum Entfernen der Oberbekleidung nehmt. Mitunter um die 30 Sekunden. 30 Sekunden von den 3 Minuten, bei denen das Gehirn schon irreversiblen Schaden nimmt!

Habt ihr aber einen automatisierten externen Defibrillator (AED) zur Hand, steht es bereits in den Instruktionen, dass Oberbekleidung (mit der beigefügten Schere) entfernt werden soll, da die Pads direkten Hautkontakt benötigen. Ich habe einige Videos gesehen, bei denen die Pads direkt auf die Brustwarzen geklebt werden oder die Brüste und damit die Position der Pads gänzlich zensiert werden. Beim Erste-Hilfe-Kurs werden diese Probleme selten angesprochen und wenn wir danach recherchieren, sind anscheinend aus Gründen der Diskretion die Pads falsch positioniert oder der Brustbereich zensiert… Und die Zeichnungen der AED-Pads zeigen meist wieder mal eine männliche Figur.

Beispiel eines AED-Pads mit männlicher Beispielfigur
Beispiel eines AED-Pads mit männlicher Beispielfigur von おむこさん志望. Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0); unverändert; Die Originaldatei ist hier zu finden.

 

Die männlichen Torsos der Modellpuppen, die männliche Darstellungsform auf AED-Pads, die falsche oder unzureichende Vorführung in Videos… All das gepaart mit unseren bereits in der Gesellschaft verankerten Vorurteilen und Tabus bezüglich der entblößten weiblichen Oberkörper können unser Schamgefühl und unsere Unsicherheit in überlebenswichtigen Situationen verstärken.

Was kann nun dabei helfen, die Überlebenschancen von Frauen, die eine Herz-Lungen-Wiederbelebung benötigen, zu erhöhen?

Eine bewusste Auseinandersetzung mit der Thematik ist unerlässlich.

Es können bereits kleine Anstrengungen unternommen werden wie z.B. eine weitere Zeichnung eines weiblichen Oberkörpers auf AED-Pads.

Im Erste-Hilfe-Kurs sind in der Regel 2 Modellpuppen oder mehr zur Demonstrationszwecken vorhanden. Hier wäre schon viel damit getan, auch weibliche Torsos einzuführen und an beiden zu üben.

Bezieht bitte zum Zwecke einer Demonstration in Videos neben Männern als Vorführpersonen auch Frauen als Vorführpersonen mit ein. Verzichtet bitte auf eine falsche und zur Diskretion zensierte Durchführung bei einem nackten Oberkörper: statt den Oberkörper zu zensieren, kann eventuell das Gesicht der Person zensiert werden, um die Identität der Person geheim zu halten.

Neben der Beobachtung, dass Frauen seltener eine Herz-Lungen-Wiederbelebung erfahren, existieren weitere Befunde, dass Frauen weniger überlebenswichtige Behandlungen nach einem Kreislaufstillstand zugutekommen, z.B. Koronarangiographie oder Angioplastie1.

Und obwohl viele Frauen an Herzerkrankungen leiden, sind lediglich 1/3 aller Studienteilnehmer zur Untersuchung von Herzerkrankungen weibliche Probanden. Hier müssen klinische Studien mehr Anstrengungen unternehmen, um eine solide Datenbasis zu schaffen2 und diese Diskrepanz zu beseitigen.


1 Garcia M, Mulvagh SL, Merz CNB, Buring JE, Manson JE. Cardiovascular Disease in Women: Clinical Perspectives. Circulation research. 2016;118(8):1273-1293. doi:10.1161/CIRCRESAHA.116.307547.

2 Kim LK, Looser P, Swaminathan RV, et al. Sex‐Based Disparities in Incidence, Treatment, and Outcomes of Cardiac Arrest in the United States, 2003–2012. Journal of the American Heart Association: Cardiovascular and Cerebrovascular Disease. 2016;5(6):e003704. doi:10.1161/JAHA.116.003704.

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