Heimat – was am Ende übrig bleibt

Letztens bin ich über einen Blogeintrag von Eva-Maria Obermann zum Thema Heimat gestolpert, der mich die letzten Tage sehr verfolgt hat. Ihr Beitrag entstand in der Zusammenarbeit mit einigen Blogger*innen im Zuge einer Blogtour, die unter dem Thema „Suppen für Syrien“ über aktuelle Fluchtthemen schreiben.

Eva-Marias Blogeintrag beschäftigte sich mit Heimat und was dieses Wort für sie bedeutet. Hierbei bekommt das Essen passend zur Überschrift der Blogtour „Suppen für Syrien“ eine zentrale Bedeutung in ihrem Verständnis für Heimat.

Ihr Vergleich hat mich tief berührt und mich an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Auch wenn ich nun seit 20 Jahren in Deutschland lebe und hier gefühlt das schönste Zuhause aufgebaut habe, fühle ich mich dennoch tief im Innersten wie eine entwurzelte Person: In mir herrscht eine Unruhe, die ich nicht genau erfassen kann. Sie hat wahrscheinlich mit meiner bisherigen „Lebensreise“ zu tun:

Kind einer Iranerin und eines Irakers, geboren in Kuwait und 2 Jahre da gelebt; wegen der irakischen Staatsbürgerschaft des Vaters als Irakerin angesehen; danach mit meiner Mutter in den Iran geflohen, während der Vater nach Deutschland fliehen musste. Sieben Jahre meiner Kindheit habe ich im Iran verbracht, in dem Glauben, ich sei eine Iranerin, bevor meine Mutter und ich nach Deutschland zu meinem Vater gestoßen sind. Hier wurde ich von allen als Irakerin angesehen, obwohl mich mit diesem Land, ihrer Sprache und ihren Bräuchen gefühlt nahezu nichts verbindet. Bis zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft empfand ich den „irakischen Teil“ als eine fremde Persönlichkeit in mir, welche andere in mir sehen. Meine Unfähigkeit, mit dieser Schattenpersönlichkeit klar zu kommen, macht mich wütend.

Wenn ich an Heimat dachte, waren und sind meine Erinnerungen an meine Kindheit im Iran gebunden. Nur war die Zeit im Iran zu kurz. Die Erinnerungen verblassten und viele entglitten mir mit der Zeit. Heute erlebe ich meine Erinnerungen an damals wie durch eine milchige Glastür, wie sie an Flughäfen zu finden sind: Ich befinde mich auf der Seite für die Flugpassagiere und sehe durch die Glastüren meine Kindheit und meine damalige Heimat auf der anderen Seite, die nur noch verschwommen, gedämpft und schwach zu mir herüberdringen. Die Erinnerungen an die Gerüche, die Gefühle und die Klänge scheinen nur noch ein Nachhallen von einer geträumten Welt zu sein, das beim Aufwachen ein warmes Gefühl hinterlässt und sich viel zu schnell verflüchtigt.

Es sind mir nur noch wenige Schätze von damals übrig geblieben. Die persische Sprache und meine Mutter. Die persische Sprache ist jedoch nur noch ein zerbröckelndes Relikt, da sich meine persische Sprache nur bis zu meinem 9. Lebensjahr entwickeln konnte und später aufgrund mangelnder Gesprächspartner und fehlender Ausbildung insoweit verwahrloste, dass ich mich heute schäme, mit anderen Persern mit meinem gebrochenen Persisch zu sprechen.

Und da wäre noch meine Mutter. Meine Mutter und ihre Kochkünste. Sie hat zwar im Laufe der Jahre auch irakische/arabische Rezepte in ihr Repertoire aufgenommen, aber für mich waren sie und ihr Essen die wenigen Strohhalme, die ich noch hatte, welche mich mit einem Heimatgefühl erfüllten. Kochte sie ein persisches Essen, beschwor es bei mir Freude und Erinnerungen an damals. Ich fühlte mich dadurch heimisch und für einen kurzen Moment wieder in der Heimat angekommen. Ich hatte das Gefühl, die Glasscheibe am Flughafen wäre für einen Moment transparenter geworden und als ob ich nicht in ein Flugzeug ins Ungewisse steigen müsste.

Ich kann Eva-Marias Sinnbild des Essens für Heimat sehr gut verstehen. Das Essen beschwört bei vielen von uns eine Erinnerung an altgeglaubte Zeiten.

Eine Erfahrung in jüngster Zeit hat jedoch eine Narbe in meiner Vorstellung von einer geglaubten Heimat hinterlassen. Wir bekamen Besuch von meiner Tante mütterlicherseits aus dem Iran. Wir haben über persische Gerichte gesprochen und es kam, dass meine Mutter Fesenjan zubereitete– Hähnchen in Granatapfel-Walnuss-Sauce. Ich fand sie sehr lecker, meine Tante aus dem Iran war jedoch schockiert. „So wird es doch nicht gemacht.“, hieß es. Am nächsten Tag hat sie ihre Variante des Rezepts zubereitet. Und ja, ihr Fesenjan hat sehr gut geschmeckt. Ich merkte, dass diese Variante viel mehr Nuancen hatte und reicher an Geschmack war. Die Heimat, nach der ich mich voller Sehnsucht verzehrte, bröckelte in ihrem Fundament.

Mir wurde schmerzhaft klar, dass ich mir lediglich ein Bildnis über meine Heimat gemacht und an dieses geglaubt hatte. Ich fühlte mich ein Stück heimatloser.

Mir kam Max Frisch in Erinnerung.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: „wofür ich Dich gehalten habe.“ Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.

Vielleicht lässt sich diese Beschreibung auch auf unsere Vorstellung von Heimat übertragen. Das Bildnis, das ich mir von meiner Heimat gemacht hatte, wurde mir letztendlich zum Verhängnis. Meine Erinnerungen und Sehnsüchte meißelten ein Bildnis in porösem Stein und ich gab ihm wenig Raum zum Entfalten. Meine Heimatdefinition musste zu Grunde gehen. Nun tappe ich im Dunkeln und sehne mich nach einem geheimnisvollen Geschmack. Nach dem Geschmack von Gegrilltem in verrauchten Nächten entlang des Flusses Karun oder dem Geschmack von Maiskolben, gegrillt über kleinen Lagerfeuern in den unzähligen engen Gassen einer fremden Heimat.

Vielleicht ist Heimat nur das: Eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach etwas Mystischem, nach etwas Unfassbarem, das uns in Gedanken und Erinnerungen auf Reisen nimmt nach vermeintlich bekannten Orten, die vermutlich so nie existiert haben, oder inzwischen nicht mehr so existieren, da sie sich im unaufhaltsamen Strom der Zeit verändert haben. Oder auch vielleicht weil das menschliche Gehirn so seine Sonderheiten hat, Erinnerungen subjektiv zu schmücken.

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Ein Gedanke zu „Heimat – was am Ende übrig bleibt

  • 03/10/2017 um 2:10 pm
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    Liebe Merem,

    Ein eindrucksvoller Beitrag, der es auf den Punkt bringt. Heimat ist eine Vorstellung, ein Gefühl, eine Illusion. Wir verknüpfen Erinnerungen mit diesem Begriff und Erinnerungen sind trügerisch. Doch wir sehnen uns nach eben dieser Erfüllung, einen unmöglichem Abkommen, der absoluten Akzeptanz und Sicherheit.
    Es freut mich sehr, sich zu diesem bewegenden Text inspiriert zu haben. Deine persönlichen Erfahrungen haben mich sehr berührt und wundervoll den Bogen zur Symbolik des Essens für Heimat gespannt. Danke dafür und alles Gute weiterhin.

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