Die Spuren, die ein Studium hinterlässt

Nachdem ich meine Masterarbeit abgegeben und meine Abschlusspräsentation gehalten hatte, wollte ich mich eigentlich auch gleich an meine Recherchen für meine Doktorarbeit machen, obwohl die Doktorandenstelle offiziell 2-3 Monate später anfangen sollte. Damals habe ich mir gedacht, dass ich mir vorher zumindest 1 Woche frei nehmen würde, um mich später mit mehr Einsatz an die Arbeit machen zu können.

Dann wurde ich wieder und wieder krank und all das artete in extreme Rücken- und Nackenschmerzen aus, welche noch bis heute anhalten. Bedingt durch meine angeschlagene Gesundheit verbrachte ich viel Zeit alleine zu Hause. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich angefangen, mir Gedanken über meine Zukunft und meine bisher im Studium praktizierte Lebensweise zu machen. Mir ist durch den Kopf gegangen, dass ich sehr viele Hobbies wegen der knapper werdenden Zeit aufgegeben habe, dass ich keine Kurse beim Hochschulsport mehr belegte (bzw. generell kein Sport mehr trieb) und auch sonst im privaten Leben vieles zu Gunsten des Studiums aufgeopfert habe wie z.B. lecker kochen, Familie öfter besuchen, eine innige Freundschaft und gute Freundin, Wochenenden frei nehmen und diese auch tatsächlich genießen, Städte erkunden etc. …

Ich habe zwar einen sehr guten Durchschnitt im Master und eine Doktorandenstelle mit einem für mich unvorstellbar tollen Thema in einer exellenten Arbeitsgruppe, die einem mehr Freiraum bezüglich der eigenen Herangehensweise an die Thematik und dem experimentellen Arbeiten erlaubt als so manch andere Arbeitsgruppe, aber das, wie ich jetzt bemerkt habe, zu einem für mich doch zu hohen Preis. Ich frage mich, ob ich es hätte anders machen können, ob ich meinen jetzigen Platz mit einer guten Masterurkunde auch dann gefunden hätte, wenn ich meine Prioritäten anders gesetzt hätte, mit weniger persönlicher Aufopferung und ohne körperliche Beschwerden.

Da ich aber meine vergangenen Entscheidungen nicht mehr rückgängig machen kann, will ich meine jetzigen und zukünftigen Prioritäten anders legen. Ich will daran glauben, dass es mit der Forschung und der Doktorarbeit auch funktionieren kann, ohne das Privatleben so sehr eingrenzen zu müssen oder gar seine Gesundheit so aufs Spiel setzen zu müssen. Das wird etwas Organisationstalent benötigen, aber Organisieren hat mir ja eh immer Spaß gemacht. Und auch wenn ich es nicht so perfekt organisiert kriege, bedeutet das nicht, dass ich die persönlichen und gesundheitlichen Opfer nicht zumindest wesentlich reduzieren kann. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich mich trotz schlimmer Rücken- und Nackenschmerzen auf den Weg zur Arbeit gemacht habe. Auf den Bus wartend habe ich an der Bushaltestelle dann einen Werbeslogan einer Arztpraxis auf einem Bus gesehen mit dem Bild einer Person, die schmerzverzerrt an ihren Rücken greift mit der danebenstehenden Aufschrift: „Sie brauchen Ihren Rücken noch!“

Es mag sich banal und selbstverständlich anhören, aber in diesem Moment wurde mir wirklich klar, dass es mir zwar wehtun würde, als eine Wissenschaftlerin nicht ganz so gut abzuschneiden, aber dass ich mit lebenslangen körperlichen Beschwerden auch als eine erfolgreiche Wissenschaftlerin kein erfülltes Leben führen könnte. Wenn ein Leben ohne körperliche Schmerzen und ohne private Aufopferung für mich bedeuten sollte, langfristig keine Wissenschaftlerin sein zu können, dann sei’s drum. Es gibt auch Möglichkeiten außerhalb der Universität, einen erfüllenden Beruf zu finden- was mich auf einen weiteren Punkt aufmerksam machte: Überlegungen zu Berufsmöglichkeiten außerhalb der Universität und zu meinen Vorstellungen eines zukünftigen Berufs, welche ich jedoch nicht in diesem aber wahrscheinlich im nächsten Blogeintrag schreiben werde 😀

Ich habe mir nun vorgenommen, meinem Privatleben und meiner Gesundheit etwas mehr Priorität einzuräumen. Bei der Gesundheit will ich auch versuchen, absolut keine Abstriche mehr zu machen. Als ich vor etwa 2 Monaten wieder nach Marburg zurückkehrte, um meinen Abschlussvortrag für die Masterarbeit zu halten, habe ich auf dem Weg zurück das von meinem Freund bis dahin noch in Marburg gebunkerte Fahrrad mitgenommen, da mein eigenes nicht mehr zu retten gewesen wäre. Der Zahn der Zeit hat auch diesem nicht gerade gut getan, vor allem da es seit dem Studium in Marburg nicht nennenswert genutzt wurde, teils wegen der extremst hügeligen Marburger Landschaft, teils wegen dem Mangel an Zeit neben dem Studium. Früher bin ich sehr gerne Fahrrad gefahren, v.a. beim Schwänzen der Schule auf dem Weg zu den verschiedenen Berliner Bibliotheken 😀

So wie das Fahrrad nach all der Zeit, ohne Pflege, im Sommer wie im Winter unter freiem Himmel gelagert, da kein Fahrradkeller verfügbar war, hätten wir auch dieses Fahrrad eigentlich genauso gut wegschmeißen können, aber zumindest war es noch als solches erkennbar 😉

Fahrrad
Das hoffentlich zu rettende Fahrrad meines Freundes: bei genauerem Hinsehen fallen die rostigen Schrauben & die ebenfalls rostige Fahrradkette auf. Beim Betrachten des Fahrrads fühle ich mich ihm irgendwie verbunden. Auch meine beweglichen Teile scheinen nicht mehr so ganz reibungslos zu funktionieren; die Luft ist wohl auch uns beiden über das Studium ausgegangen. It’s time for a makeover!

 

Jedoch habe ich mich irgendwie in dem Fahrrad „wiedererkannt“: Durch Wind und Wetter verwittert – Rücken schmerzt; achtlos zur Seite geschoben und vergessen – Gesundheit und Privatleben zu Gunsten des Studiums beiseitegeschoben. In dem Moment habe ich mir vorgenommen, das Fahrrad mitzunehmen und wieder in Form zu bringen- ein Symbol für mein Versprechen, mich wieder selbst gesundheitlich auf die Beine zu bringen und meine neuen Prioritäten nicht zu vergessen! Und da ich meinen Freund auch zu einer ein wenig gesünderen Lebenshaltung verhelfen möchte, hoffe ich, dass wir beide von seinem wieder in Stand gesetzten Fahrrad profitieren können!

 

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