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	<title>Heimat &#8211; Melem Bayati</title>
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	<description>Alltagsnotizen einer Biologin</description>
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		<title>Entwurzelt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Mariam Al Bayati]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2020 07:27:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimat]]></category>
		<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich habe ein oft wiederkehrendes Traummotiv- und nein, ich rede nicht von ausfallenden Zähnen, ein Traummotiv, das viele in ihren Träumen heimsucht. Ich träume von einer Reise, von einem kurzen Spaziergang und davon nach Hause zu wollen. Ich träume von Irrungen, Verspätungen, verpassten Zügen, spontan geänderten Routen, verpassten Haltestellen, von Flughafenhallen und davon nie anzukommen....]]></description>
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<p>Ich habe ein oft wiederkehrendes Traummotiv- und nein, ich rede nicht von ausfallenden Zähnen, ein Traummotiv, das viele in ihren Träumen heimsucht.</p>



<p>Ich träume von einer Reise, von einem kurzen Spaziergang und davon nach Hause zu wollen. Ich träume von Irrungen, Verspätungen, verpassten Zügen, spontan geänderten Routen, verpassten Haltestellen, von Flughafenhallen und davon nie anzukommen. Manchmal begleitet mich eine Person zu Beginn der Reise, am Ende bin ich jedoch immer alleine. Nur die Angst, die Verzweiflung und die Wut sind stete Begleiterinnen.</p>



<p>Ich habe das Gefühl, mein Leben lang unterwegs zu sein, immer auf Achse, immer auf der Flucht, immer gezerrt und fortgerissen. Und wenn ich mir die Geschichten meiner Eltern und Großeltern anhöre, die aufgrund politischer Ereignisse immer wieder aufs Neue entwurzelt wurden, frage ich mich, ob dieses stete Entwurzeltwerden mit mir aufhören wird? Kann ich überhaupt anders als immer auf Achse zu sein? Ist dieses Verhalten vielleicht zu sehr in unsere Familie eingraviert, uns zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich überhaupt anders handeln kann, egal wie sehr ich mir das Beständige und das Wurzelschlagen ersehne? Die letzten Umzüge waren verbunden mit Studium und Arbeit. Aber im Hintergrund schwingt auch der Gedanke mit: Was, wenn die Faschisten wieder überhandnehmen? Wohin kann ich gehen, wenn das Bleiben nicht mehr möglich ist, wenn der Kampf verloren ist?</p>



<p>Und wieder bin ich im Traum am Bahnhof, habe mal weniger, mal mehr Koffer mit mir und bin auf dem Weg nach Hause, ohne anzukommen. Und wieder liege ich schweißgebadet im Bett, ringe nach Luft und weiß nicht, wie lange ich in diesem Bett schlafen kann.</p>
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		<title>Heimat &#8211; was am Ende übrig bleibt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Mariam Al Bayati]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Oct 2017 11:26:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimat]]></category>
		<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
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					<description><![CDATA[Letztens bin ich über einen Blogeintrag von Eva-Maria Obermann zum Thema Heimat gestolpert, der mich die letzten Tage sehr verfolgt hat. Ihr Beitrag entstand in der Zusammenarbeit mit einigen Blogger*innen im Zuge einer Blogtour, die unter dem Thema „Suppen für Syrien“ über aktuelle Fluchtthemen schreiben. Eva-Marias Blogeintrag beschäftigte sich mit Heimat und was dieses Wort...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Letztens bin ich über einen Blogeintrag von <u><strong><a href="http://schreibtrieb.com/">Eva-Maria Obermann</a></strong></u> zum Thema <u><strong><a href="http://buchblog.schreibtrieb.com/essen-ist-heimat-oder-warum-ich-ratatouille-so-mag-blogtour">Heimat</a></strong></u> gestolpert, der mich die letzten Tage sehr verfolgt hat. Ihr Beitrag entstand in der Zusammenarbeit mit einigen Blogger*innen im Zuge einer Blogtour, die unter dem Thema „Suppen für Syrien“ über aktuelle Fluchtthemen schreiben.</p>
<p>Eva-Marias Blogeintrag beschäftigte sich mit <em>Heimat</em> und was dieses Wort für sie bedeutet. Hierbei bekommt das <em>Essen</em> passend zur Überschrift der Blogtour „Suppen für Syrien“ eine zentrale Bedeutung in ihrem Verständnis für <em>Heimat</em>.</p>
<p>Ihr Vergleich hat mich tief berührt und mich an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Auch wenn ich nun seit 20 Jahren in Deutschland lebe und hier gefühlt das schönste Zuhause aufgebaut habe, fühle ich mich dennoch tief im Innersten wie eine entwurzelte Person: In mir herrscht eine Unruhe, die ich nicht genau erfassen kann. Sie hat wahrscheinlich mit meiner bisherigen „Lebensreise“ zu tun:</p>
<p>Kind einer Iranerin und eines Irakers, geboren in Kuwait und 2 Jahre da gelebt; wegen der irakischen Staatsbürgerschaft des Vaters als Irakerin angesehen; danach mit meiner Mutter in den Iran geflohen, während der Vater nach Deutschland fliehen musste. Sieben Jahre meiner Kindheit habe ich im Iran verbracht, in dem Glauben, ich sei eine Iranerin, bevor meine Mutter und ich nach Deutschland zu meinem Vater gestoßen sind. Hier wurde ich von allen als Irakerin angesehen, obwohl mich mit diesem Land, ihrer Sprache und ihren Bräuchen gefühlt nahezu nichts verbindet. Bis zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft empfand ich den „irakischen Teil“ als eine fremde Persönlichkeit in mir, welche andere in mir sehen. Meine Unfähigkeit, mit dieser Schattenpersönlichkeit klar zu kommen, macht mich wütend.</p>
<p>Wenn ich an <em>Heimat </em>dachte, waren und sind meine Erinnerungen an meine Kindheit im Iran gebunden. Nur war die Zeit im Iran zu kurz. Die Erinnerungen verblassten und viele entglitten mir mit der Zeit. Heute erlebe ich meine Erinnerungen an damals wie durch eine milchige Glastür, wie sie an Flughäfen zu finden sind: Ich befinde mich auf der Seite für die Flugpassagiere und sehe durch die Glastüren meine Kindheit und meine damalige Heimat auf der anderen Seite, die nur noch verschwommen, gedämpft und schwach zu mir herüberdringen. Die Erinnerungen an die Gerüche, die Gefühle und die Klänge scheinen nur noch ein Nachhallen von einer geträumten Welt zu sein, das beim Aufwachen ein warmes Gefühl hinterlässt und sich viel zu schnell verflüchtigt.</p>
<p><span id="more-572"></span></p>
<p>Es sind mir nur noch wenige Schätze von damals übrig geblieben. Die persische Sprache und meine Mutter. Die persische Sprache ist jedoch nur noch ein zerbröckelndes Relikt, da sich meine persische Sprache nur bis zu meinem 9. Lebensjahr entwickeln konnte und später aufgrund mangelnder Gesprächspartner und fehlender Ausbildung insoweit verwahrloste, dass ich mich heute schäme, mit anderen Persern mit meinem gebrochenen Persisch zu sprechen.</p>
<p>Und da wäre noch meine Mutter. Meine Mutter und ihre Kochkünste. Sie hat zwar im Laufe der Jahre auch irakische/arabische Rezepte in ihr Repertoire aufgenommen, aber für mich waren sie und ihr <em>Essen</em> die wenigen Strohhalme, die ich noch hatte, welche mich mit einem Heimatgefühl erfüllten. Kochte sie ein persisches Essen, beschwor es bei mir Freude und Erinnerungen an damals. Ich fühlte mich dadurch heimisch und für einen kurzen Moment wieder in der Heimat angekommen. Ich hatte das Gefühl, die Glasscheibe am Flughafen wäre für einen Moment transparenter geworden und als ob ich nicht in ein Flugzeug ins Ungewisse steigen müsste.</p>
<p>Ich kann Eva-Marias Sinnbild des <em>Essens</em> für Heimat sehr gut verstehen. Das Essen beschwört bei vielen von uns eine Erinnerung an altgeglaubte Zeiten.</p>
<p>Eine Erfahrung in jüngster Zeit hat jedoch eine Narbe in meiner Vorstellung von einer geglaubten Heimat hinterlassen. Wir bekamen Besuch von meiner Tante mütterlicherseits aus dem Iran. Wir haben über persische Gerichte gesprochen und es kam, dass meine Mutter <em>Fesenjan</em> zubereitete– Hähnchen in Granatapfel-Walnuss-Sauce. Ich fand sie sehr lecker, meine Tante aus dem Iran war jedoch schockiert. „<em>So wird es doch nicht gemacht.“</em>, hieß es. Am nächsten Tag hat sie ihre Variante des Rezepts zubereitet. Und ja, ihr Fesenjan hat sehr gut geschmeckt. Ich merkte, dass diese Variante viel mehr Nuancen hatte und reicher an Geschmack war. Die Heimat, nach der ich mich voller Sehnsucht verzehrte, bröckelte in ihrem Fundament.</p>
<p>Mir wurde schmerzhaft klar, dass ich mir lediglich ein Bildnis über meine Heimat gemacht und an dieses geglaubt hatte. Ich fühlte mich ein Stück heimatloser.</p>
<p>Mir kam Max Frisch in Erinnerung.</p>
<p><strong><em><u>&#8220;Du bist nicht&#8221;, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: &#8220;wofür ich Dich gehalten habe.&#8221; Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.</u></em></strong></p>
<p>Vielleicht lässt sich diese Beschreibung auch auf unsere Vorstellung von Heimat übertragen. Das Bildnis, das ich mir von meiner Heimat gemacht hatte, wurde mir letztendlich zum Verhängnis. Meine Erinnerungen und Sehnsüchte meißelten ein Bildnis in porösem Stein und ich gab ihm wenig Raum zum Entfalten. Meine Heimatdefinition musste zu Grunde gehen. Nun tappe ich im Dunkeln und sehne mich nach einem geheimnisvollen Geschmack. Nach dem Geschmack von Gegrilltem in verrauchten Nächten entlang des Flusses Karun oder dem Geschmack von Maiskolben, gegrillt über kleinen Lagerfeuern in den unzähligen engen Gassen einer fremden Heimat.</p>
<p>Vielleicht ist Heimat nur das: Eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach etwas Mystischem, nach etwas Unfassbarem, das uns in Gedanken und Erinnerungen auf Reisen nimmt nach vermeintlich bekannten Orten, die vermutlich so nie existiert haben, oder inzwischen nicht mehr so existieren, da sie sich im unaufhaltsamen Strom der Zeit verändert haben. Oder auch vielleicht weil das menschliche Gehirn so seine Sonderheiten hat, Erinnerungen subjektiv zu schmücken.</p>
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